Die nächste Welle

Die letzte Prognose im November war im Ergebnis nicht ganz falsch und allemal präziser als die der Politiker oder Banker. Und nachdem der DAX nun fast die 3600 erreicht hat, wird es Zeit, über den weiteren Verlauf der Dinge zu sinnieren.

Um in die Zukunft schauen zu können, bedarf es zunächst einer Kristallkugel. Da diese aber in der Regel nicht verfügbar ist (die Hexen wurden meines Wissens alle verbrannt), hilft vielleicht der Nerowinger: Kausalität, Ursache und Wirkung. Und aus der Betrachtung der Vergangenheit lässt sich dann vielleicht etwas für die Zukunft ableiten (Trendfolge).

Da wäre zunächst die Ursache »Politische Kaste», und allen voran die Bundeskanzlerin, Frau Dr. Angela Merkel. Sie entschloss sich kurz vor Weihnachten nur eines zu tun, nämlich nichts. Alt-Kanzler Gerhard Schröder sagte man einmal nach, er sei nicht der Kanzler der ruhigen, sondern der eingeschlafenen Hand gewesen. Aber in diesem Tenor muss man sich bei Kanzlerin Merkel fragen, ob nicht vielleicht der ganze Arm eingeschlafen, oder schlimmer noch, amputiert ist. Nein, amputiert war er nicht, denn im Januar bewegte er sich doch. Langsam, spät, aber er bewegte sich. Leider vollkommen ohne jede Koordination.

Es folgte ein Rettungspaket, welches nur dann den Namen zu Recht trägt, wenn damit die Rettung längst insolventer Kommunen gemeint ist. 50 Milliarden Euro schmiss die deutsche Eiserne Lady in den Topf, damit Kommunen Straßen und Schulen sanieren können. Das Dumme daran ist nur, dass aufgrund der in der Verwaltung üblichen Vorgänge kaum ein Euro noch in 2009 ausgegeben werden wird.

Schlimmer ist aber, dass die Ursache (siehe oben: Kausalität) der rein deutschen Krise nicht wirklich erkannt und schon gar nicht bekämpft wurde. Die Banken trauen sich und niemanden. Die Liquidität war zum Erliegen gekommen. Wer das ausgetrocknete Flussbett des Rheins von vor ein paar Jahren noch vor Augen hat, kann es sich bildlich vorstellen. Diese mangelnde Liquidität hat die (Real-) Wirtschaft ins Straucheln gebracht. So sagt man, Kredite über 80 Millionen Euro seinen nicht refinanzierbar, auch nicht bei Prolongationen. Die Kreditklemme.

Nun hätte man die Wirtschaft einfach mit Liquidität versorgen können, ohne dass es der Banken bedurft oder den Fiskus viel Geld gekostet hätte, indem das Modell der ehemaligen Zonenrandförderung kopiert hätte. Die jüngeren Leser kennen diese Förderung nicht mehr, deshalb hier nochmal in Kurzform: Ein Unternehmen schreibt in 2009 50% sofort und die normale (progressive) AfA der Anschaffungskosten einer Investition ab, aber investiert erst 2010. Der Effekt dürfte klar sein: Durch die Abschreibung kann ein Großteil des Gewinns aus 2008 konserviert und für anstehende Refinanzierungen verwendet werden, deren externe Finanzierung dann in 2010 erfolgen kann, wenn die Liquiditätsklemme hoffentlich überwunden ist. Und da die Unternehmensteuern nur einen Bruchteil des gesamten Steueraufkommens betragen, wäre so der große Brocken der Lohn- und Einkommensteuer gesichert gewesen und der Ausfall bei den Unternehmensteuern unter 100 Milliarden gewesen. Schaeffler hätte man damit vielleicht nicht vermeiden können, aber wohl den wesentlichen Teil der mittelständischen Wirtschaft.

Und nachdem dann die Bundesregierung nicht nur falsch handelte, nachdem sie endlich handelte, ließ die Bundeskanzlerin dann auch noch ein Gesetz zu, dass die Enteignung von Banken zulässt. Ein fataler Fehler, der das Vertrauen in das deutsche Rechtssystem zu tiefst erschüttert hat. Zwar zielt das Gesetz auf die HRE ab, aber das steht nicht im Gesetz (und kann und darf dort auch nicht stehen). Somit ist das Gesetz auch auf die Deutsche Bank anwendbar, falls Herr Ackermann nicht gefügiger wird. Meiner Meinung nach sollte die KfW einige Milliarden aufwenden, um die Depfa zu kaufen. Dann könnte man auch die HRE ohne Bauchschmerzen dem Insolvenzverwalter überlassen, ohne dass es einen Vertrauensverlust gäbe. Nun ja, Frau Dr. Merkel hat für mein Empfinden zu lange in der DDR gelebt.

Kausalität: Die massive Staatsverschuldung und die Politik der EZB (nicht nur Zinsen, sondern auch das Geldmengenwachstum) werden zu einer massiven Inflation führen. Und aus den 70ern wissen wir, dass der Deutsche eine Inflation zwischen 5 und 10% ein paar Jahre aushält, ohne wirklich zu murren. Und selbst wenn dieses Szenario nur abgeschwächt eintreten sollte, so werden die mittel- und langfristigen Anleger von Renten die Verlierer sein. Renten sind aus meiner Sicht allenfalls für 24 Monate eine Alternative, Geld zu einem vertretbaren Risiko zu moderaten Zinsen zu parken (abgesehen von der persönlichen Asset-Allocation, die immer einen Anteil an Renten beinhaltet).

Jetzt geht es darum, den Boden zu erkennen. Aber ich befürchte, wenn Claus auf charttechnischer Basis den Boden erkannt hat, sind die Kurse weit oberhalb des heutigen Niveaus. Das ist nicht zielführend.

Nach der heutigen Dynamik (Stichwort: Fette Sau AIG) halte ich es für wahrscheinlich, dass auch die 3600 im DAX unterschritten werden. Zuvor dürfen wir uns aber vielleicht (!) über einen Bärenmarktralley bis um und bei 4800 freuen (der Spread zeigt schon die Langfristigkeit der Überlegung). Der Ausverkauf heute zeigt aber auch wieder das irrationale Handeln der Investoren: Alles wird verkauft: Aktien, Rohstoffe, Renten. Rohöl zum Beispiel verlor heute mehr als 10%. Und einige behaupten, unter 40 $/Barrel sei Öl billig. Dabei wird vergessen, das vor wenigen Jahren Öl in einem wirtschaftlich guten Umfeld bei über 30 $ als teuer eingestuft wurde. Aus meiner Sicht ist Öl heute, bei dem weltwirtschaftlichen Szenario verdammt teuer. Dennoch werden einige dieses Niveau nutzen, um Lagerbestände aufzubauen.

Im Agrarsektor bleibt eine weltweite Krise nicht ohne Folgen. Gleichwohl brauchen die Menschen Nahrungsmittel. Und gleichwohl wachsen asiatische Wirtschaften, allen voran China, noch deutlich. Gleichzeitig hat sich die Konkurrenzsituation zwischen Ethanol- und Futtermaisproduktion vor allem in den USA nicht verändert. Da aber der Break-Even für die Ethanolproduzenten bei 40 $ liegt, ist der Kampf der Märkte um dieses Preisniveau für den Agrarsektor entscheidend (zum Vergleich: der Weizenpreis korreliert erst ab ca. 100 $ positiv mit dem Ölpreis). Meines Erachtens wird der Ölpreis nicht nachhaltig unter dieses Niveau sinken.

Durch die Drosselung der Ölförderung wird aber das Angebot verknappt, was in ein paar Jahren neben der Geldmengenausweitung zur Inflation beitragen wird.

Aus all diesen zugegeben zum Teil subjektiven Darstellungen würde ich heute nach wie vor an der Seitenlinie stehen bleiben, zumindest was Investitionen angeht. Bei einem Durchbrechen der 3600 im DAX könnte man auf einen DAX bei 2350 spekulieren, bei einem Überschreiten von 3900 auf 4800. Aber die kurzfristigen Trendlinien sind steil, so dass man täglich prüfen muss, ob die Bindung richtig war. Mehr als 1% Verlustrisiko sollten aber keinesfalls eingegangen werden, so das Hebelprodukte unter Berücksichtigung der Bonität des Emittenten geeignet sein könnten.

Auf 24 Monate halte ich Renten finanzstarker und gut bonitierter Unternehmen für die richtige Wahl, wobei der Emittent wenig konjunktursensitiv sein sollte. Bei den Agrarrohstoffen sind Getreideprodukte interessanter als Ölprodukte. Auf der Südhalbkugel gibt es bereits massive Trockenschäden und die osteuropäischen Anbaugebiete leiden unter einer extrem schlechten Bestellung im vergangen Herbst. Das spricht tendenziell für steigende Preise beim Getreide. Allerdings muss man wissen, dass ab circa 200 €/t beim Weizen eine produktive Fläche zusätzlich mit dem Anbau beginnen würde, die die Welterntemenge um rund 300 Millionen Tonnen erhöhen würde (die vom Klima bedingten Schwankungen liegen bei rund 150 Millionen Tonnen). Somit würde ich tendenziell einen Zielkurs beim Weizen von 160 bis 180 €/t sehen.

Sehr subjektiv diesmal, und nicht so strukturiert wie sonst. Aber es ist auch sehr schwierig in diesen Zeiten überhaupt etwas zu prognostizieren…

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