EHEC in der Zukunft

Nachdem Keime auf Sprossen die vermeintliche Quelle der EHEC-Erkrankungen gewesen sein sollten, haben sich andere Themen wieder in den Fokus der breiten Medienlandschaft geschoben. Allerdings wurde übers Wochenende berichtet, dass sich das Bakterium O104:H4 in der Natur einnisten würde.

In einem Artikel der Süddeutschen war dabei zu lesen:

„Dass der Keim jetzt im Wasser gefunden wurde, hat mich nicht überrascht”, sagte der Ehec-Forscher Helge Karch aus Münster am Samstag. Karch geht davon aus, dass sich der Darmkeim nun vermehrt in der Umwelt ablagere. „Viele Menschen scheiden derzeit den Erreger aus”, sagte der Professor des Universitätsklinikums Münster (UKM). Über die Fäkalien von Ehec-Patienten könne der Keim in die Umwelt gelangen und sich dort einnisten. Der Erreger bilde eine Schleimschicht, in der er auch längere Zeiträume gut überstehe, sagte Karch. Die Forscher aus Münster haben zudem herausgefunden, dass der Erreger O104:H4 extrem widerstandsfähig gegenüber äußeren Einflüssen ist. Er überstehe selbst längere Zeit in saurem Milieu und sei kälteresistent. In den Labor-Kühlschränken des Instituts für Hygiene überlebe er bereits seit Wochen bei Temperaturen von fünf Grad Celsius, sagte Karch.

Diese Entwicklung bedeutet natürlich auch, dass die Risiken in der Landwirtschaft überdacht werden müssen. Wie bereits früher erläutert, kommen Fäkalien in der Form von Gülle und Mist sowie als Klärschlämme als natürlicher Dünger zum Einsatz. Die Nutzung dieser Dünger erfolgt überwiegend im Getreide- und Rapsanbau. Das Getreide wird dann als Futtermittel oder als Rohstoff für Lebensmittel wie etwa Mehl verwertet. Das im Raps vorhandene Öl wird entweder direkt als (kaltgepresstes) Öl als Lebensmittel oder Kraftstoff verwendet und zum Beispiel zu Margarine weiterverarbeitet.

Der Erreger selbst könnte die meisten Prozesse, die bis zum endgültigen Lebensmittel erfolgen, wahrscheinlich kaum überstehen: Mehl wird in aller Regel mit anderen Zutaten vermengt und dann bei hohen Temperaturen gebacken (Brot etc.) oder gebraten (Panade). Beim Rapsöl sieht es anders aus, da insbesondere das kaltgepresste Öl keinem thermischen Prozess unterzogen wird. Wird es dann als kalte Zutat (Salatdressing) verwendet, mag man eine gewisse Gefährdung annehmen (vielleicht könnte mal ein Mikrobiologe sagen, ob die Bakterien das Umfeld von Öl ertragen können).

Wichtig in diesem Zusammenhang ist aber auch die Tatsache, dass der natürliche Dünger zum überwiegenden Teil im Sommer auf den Acker ausgebracht und dann in das Erdreich eingearbeitet wird. Erst dann wird das Saatbett bereitet und die Saat gelegt. Die Saat läuft dann auf, d. h. es entwickeln sich Sprossen, die dann zu kleinen Pflanzen mit wenigen Blättern heranwachsen. Die Blätter sind dabei oberhalb des Erdreichs und stetig der Witterung ausgesetzt, was ein dauerhaftes Anhaften eines Keimes an denselben unwahrscheinlich macht. Dann tritt die Pflanze in die Winterruhe. In manchen Fällen wird am Ende der Winterruhe (Januar oder Februar) erneut natürlicher Dünger über den Bestand ausgebracht, der dann allerdings die Blätter vollständig überspült. Nach der Winterruhe wächst die Pflanze weiter, bildet weitere Blätter und dann die Blüte. Erst nach der Blüte bildet die Pflanze den Fruchtkörper aus und stirbt ab. Bei der Ernte wird dann die eigentliche Frucht von der Ummantelung befreit (das Dreschen) und von dieser getrennt. Der zu nutzende Fruchtkörper war bis zu diesem Vorgang immer im Inneren der Pflanze (anders als z. B. beim Obst), so dass eine direkte Kontamination unmöglich ist.

Die natürlichen Dünger bezeichnet man als Gülle, Mist und Klärschlamm. Bei der Gülle handelt es sich um eine zumeist dünnflüssige Masse von Fäkalien aus der Tierhaltung von Schweinen, Rindern etc. Als Mist bezeichnet man den mit Fäkalien angereicherten Einstreu (Stroh, Sägemehl etc.), der zumeist aus der Geflügelhaltung stammt (früher entstand auch bei der Rinderhaltung reichlich Mist). Klärschlamm ist ein mehr oder weniger trockenes Substrat, welches aus der letzten Stufe von Kläranlagen stammt. In den Kläranlagen werden nicht nur die Abwässer aus menschlichen Siedlungen sondern auch aus industriellen Anlagen gereinigt. In der Landwirtschaft wird der Einsatz von Klärschlamm deshalb teilweise kritisch gesehen, was vor allem auf die Befürchtung der Kontamination durch Schwermetalle zurückzuführen ist. Eine Reihe von Mühlen und Händlern verlangen bereits seit Jahren die Garantieerklärung, dass keine Klärschlemme eingesetzt wurden.

Dass künftig aus den Kläranlagen herausgenommene Schlämme mit dem Bakterium O104:H4 belastet sein dürften, wird kaum jemand ernsthaft in Frage stellen wollen. Insbesondere in den Regionen, in denen die Epidemie am stärksten auftrat, geht der Erreger den ganz natürlichen Weg durch unsere Abwassersysteme. Und wenn jetzt der Erreger, wie Helge Karch ausgeführt hat, widerstandsfähig auch in normalen Umweltbedingungen ist, dann würde eine künftige Ausbringung durchaus eine Risikoerhöhung nach sich ziehen. Allerdings muss dabei berücksichtigt werden, dass der Klärschlamm an sich zunächst stark erhitzt wird (teilweise bis zu 100° C) und somit nur eine indirekte Kontaminierung möglich ist. Außerdem würden auch weiterhin die Getreide- und Rapsfrüchte nicht belastet sein, aber der Erreger könnte durch lokale Erosionen in Oberflächengewässer gelangen, die zur Bewässerung von Obst und Gemüse eingesetzt werden. Auch Tiere und Insekten könnten den Erreger, der dann flächig vorhanden wäre, weiter verbreiten.

Es ist also dringend geboten, eine neue Risikobewertung vorzunehmen. Hierzu muss nicht nur der einzelne Betrieb den generellen Einsatz von natürlichen Düngern überdenken, sondern auch haftungsrechtliche Fragen mit seiner Versicherung klären (Entleerung eines bereits mit Weizen beladenen Frachters etc.). Es nutzt dem Betrieb wenig, wenn die Mitarbeiter zwar gesund, der Betrieb aber pleite ist.

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