PIGS

PIGS steht für Portugal, Island, Griechenland und Spanien und ist eine abwertend gemeinte Abkürzung für diejenigen europäischen Staaten, die kurz vor oder nach der Zahlungsunfähigkeit stehen. Die bessere Abkürzung wäre allerdings PIBIGS, also die Erweiterung um die Länder Belgien und Italien. Das würde bedeuten, dass die anderen Länder der sogenannten Euro-Zone besser dar stehen, was zumindest im Falle Deutschlands fraglich sein dürfte. Ein Fass, das ich nicht in Gänze öffnen möchte, aber an der Oberfläche darf ja mal gekratzt werden.

Um dies äußerst komplexe Thema zumindest oberflächlich zu greifen, ist es notwendig, einige grundsätzliche Fragen zu klären und Eckpunkte zu setzen.

Da ist zunächst der Begriff der Zahlungsunfähigkeit zu klären, oder besser, zu untersuchen. Zahlungsunfähig ist (egal ob Staat oder Unternehmen oder Person), wer fällige Rechnungen nicht bezahlen kann. Das ist immer dann der Fall, wenn das Konto leer und der Kreditrahmen bei der Bank ausgeschöpft ist. Für Dich und mich heißt das dann, einen Offenbarungseid leisten zu müssen. Der Rest ist dann relativ entspannt, aber zumindest gesetzlich klar definiert.

Staaten hingegen haben kein Dispo bei ihrer Hausbank, sondern emittieren Anleihen am Kapitalmarkt. Investoren geben ihnen also Geld und erhalten dafür Zinsen (so wie Du und ich beim Sparbuch), wobei sich die Höhe des Zinssatzes nach der Bonität richtet. Das können Du und ich natürlich ähnlich handhaben, indem wir einen Kredit bei einer Bank aufnehmen. Wer das schon mal gemacht hat, weiß, dass unangenehme Fragen drohen und man seine finanziellen Verhältnisse aufs Kleinste aufdecken muss. Vor allem möchte der Kreditgeber sicherstellen, dass seine Forderungen in Form von Zinsen und Tilgungen neben allen normalen Ausgaben des täglichen Lebens beglichen werden können. Bei Staaten ist dieses anders, denn die Kreditgeber (Investoren) gehen eigentlich davon aus, dass ein Staat nicht insolvent wird und prüfen nur noch, ob der Staat lediglich die Zinsen zahlen kann. In der theoretischen Reinform emittiert ein Staat nur noch sogenannte Zero Bonds, deren Refinanzierung bei Fälligkeit sowohl über Zins als auch Tilgung läuft. Der Kredit wird also niemals zurückbezahlt, und die Zinsen auch nicht.

Nun kommt diese theoretische Reinform nicht vor, aber dennoch haben die Rating-Agenturen begriffen, dass die Staatsverschuldung am langen Ende nicht mehr durch Einnahmen gedeckt sein können. Und deshalb tun sie das, wofür sie da sind: Sie stufen die Bonität herunter, derzeit vor allem bei Griechenland. Aber ist das richtig?

Vergleicht man Griechenland einmal mit Dir und mir. Griechenland hat eine Staatsverschuldung von etwas mehr als 110% des BIP und eine Neuverschuldung von etwas über 10%. Das BIP ist das Einkommen des Staates, und zwar nicht des Staates als Körperschaft aus Steuer- und Abgabenaufkommen, sondern das Bruttoeinkommen aller Bürger und Unternehmen einschließlich öffentlicher Einrichtungen. Verglichen mit Dir und mir ist das BIP unser Nettojahreseinkommen (netto bedeutet hier nach Steuern aber vor Sozialabgaben). Wenn ich also 50.000 Euro im Jahr netto verdiene, dann wären meine vergleichbaren Schulden 55.000 Euro und ich würde in diesem Jahr weiter 5.000 Euro an Schulden aufnehmen. Die absolute Höhe der Schulden stellt dabei kein Problem dar (weder für Griechenland, noch für mich, das weiß jeder, der einmal ein Haus gebaut hat), aber die Neuverschuldung schon. Diese führt irgendwann dazu, weil die sie höher als die Tilgung ist, dass die Raten das verfügbare Einkommen überschreiten.

Es ist also nicht die absolute Staatsverschuldung, die problematisch ist, sondern die Neuverschuldung. Und den PIBIGS-Staaten ist derzeit gemein, dass diese um oder über 10% liegt und somit in den Ruin führt.

Ein weiteres Problem in diesem Zusammenhang ist, dass nur über die explizite (Staats-) Verschuldung geredet wird. Explizite Schulden sind diejenigen, die ich tatsächlich sehe (z.B. auf dem Kontoauszug). Aber darüber hinaus gibt es noch eine sogenannte implizite Verschuldung. Dabei handelt es sich um Verpflichtungen, die sich zwar erst in der Zukunft auswirken werden, aber heute bereits feststehen. Wenn ich also beispielsweise einen Leasing-Vertrag über 100€ habe, der Ende nächsten Jahres endet, dann ist meine implizite Verschuldung für das kommende Jahr bereits 1.200€. Das hört sich nicht viel und nicht schlimm an, ist es aber: Für Deutschland wird die implizite Staatsverschuldung (Kranken- und Rentenversicherung etc.) auf etwa das Fünffache der expliziten geschätzt. Explizite und implizite Staatsverschuldung zusammen ergeben für jeden Einwohner Deutschlands einen Betrag von ungefähr 125.000€, womit klar sein dürfte, dass auch wir in Deutschland ein Problem haben.

Aber wir leben ja im Kapitalismus und haben deshalb eigentlich kein Problem damit. Eine der Grundregeln im Kapitalismus stellt sicher, dass Verluste sozialisiert werden; die Gewinne verbleiben beim Individuum. Den Sinn und Zweck des Kapitalismus an dieser Stelle zu diskutieren, macht keinen Sinn, da dieses System derzeit weltweit vorherrschend und maßgeblich ist. Wenn ich also mit meinem Tante-Emma-Laden  pleite gehe, dann bleiben meine Gläubiger auf ihren Forderungen sitzen, und ich durchlaufe ein paar Jahre ein Wiederherstellungsprogramm. Anschließend kann ich einen neuen Tante-Emma-Laden öffnen und das Spiel von neuem beginnen; die Verluste sind sozialisiert, aber voerherige und spätere Gewinne bleiben bei mir und sind auch verkonsumiert, zum Beispiel in einem schönen Urlaub in Griechenland.

Wenn jetzt ein Staat pleite ginge, dann wäre alles eigentlich so, wie bei Dir und mir. Zwar existieren derzeit keine international verbindlichen Regeln, wie mit einem insolventen Staat umgegangen werden sollte, aber wahrscheinlich würden diese ähnlich der nationalstaatlichen Regelungen aussehen. Allerdings gibt es wohl zwei Gründe, warum Staaten Staaten nicht pleite gehen lassen wollen (abgesehen davon, dass wir genau das mit der DDR gemacht haben): Zum einen führt der Staatsbankrott zu unbeherrschbaren sozialen Unruhen in den betroffenen Ländern und zum anderen würde die Fehlbarkeit eines einzelnen Staates die eigene Unfehlbarkeit (insbesondere Deutschlands) in Frage stellen und zu einem schlechteren Rating führen.

Am Ende stellt sich nun die Frage: Helfen wir den insolventen Staaten oder Personen dadurch, dass wir Rettungsschirme spannen und so die Insolvenz verhindern, oder helfen wir ihnen mehr dadurch, dass wir sie in die Insolvenz gehen lassen? Wenn ich mit meinem Tante-Emma-Laden immer wieder vor der Insolvenz gerettet werde, dann mache ich auch weiter wie bisher, weil ich mich für unersetzlich halte. Nur meine Pleite könnte mich mein Konzept hinterfragen und ändern lassen. Gleiches gilt aber auch für Staaten. Deshalb sollte aus meiner Sicht ein Ende mit Schrecken besser als ein Schrecken ohne Ende sein.

PIBIGS-Länder sollten im Ergebnis besser einer geordneten Insolvenz unterzogen werden, denn so kann man sie besser retten.

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3 Antworten zu PIGS

  1. Stefan Wehmeier schreibt:

    Vorsicht Falle!

    „Kaum jemand wird einer Gruppierung, die die Welt für eine Scheibe hält, ein brauchbares Programm zur Erkundung des Weltraums zutrauen, und so sollte auch keiner Disziplin, die zeitlich unbegrenztes exponentielles Wachstum für realisierbar hält, eine Steuerung unseres Wirtschaftsgeschehens überlassen werden.
    …Zunächst muss daher allgemein erkannt und anerkannt werden, dass bei den gegenwärtigen Geldordnungen ein grundlegender und gravierender Fehler vorliegt, der die gesamte Gesellschaft destabilisieren wird“: http://www.deweles.de/files/mathematik.pdf

    Dr. Jürgen Kremer, Prof. für Wirtschaftsmathematik

    Wenn das Geld selbst fehlerhaft ist, gibt es keine wie auch immer geartete „Finanzpolitik“, um den bevorstehenden Zusammenbruch des Geldkreislaufs – und damit unserer gesamten „modernen Zivilisation“ – aufzuhalten! Daher ist es irrelevant, was die „hohe Politik“ beschließt oder nicht beschließt.

    Seit Herbst 2008 läuft die Weltwirtschaft in ein Phänomen, das der „Jahrhundertökonom“ John Maynard Keynes als „Liquiditätsfalle“ bezeichnete. Befindet sich eine einzelne Volkswirtschaft in der Liquiditätsfalle (Beispiel: Japan), kann der Staatsbankrott dadurch hinausgezögert werden, dass ein Großteil der Geldvermögen direkt oder indirekt im Ausland angelegt wird, wo der Zinsfuß noch höher ist. Damit geraten diese Volkswirtschaften (Beispiel: China) umso mehr unter Druck, weil die dortige Bevölkerung die zusätzliche Zinslast zu tragen hat, bis auch in diesen Ländern (Schwellenländer) der Zinsfuß auf die Liquiditätspräferenzgrenze absinkt (der Anstieg des Zinsfußes in Griechenland, Portugal, Irland, etc. ist allein auf einen überproportionalen Anstieg der Risikoprämie zurückzuführen, während die Liquiditätsverzichtsprämie weiterhin sinkt). Am Ende kommt es zur globalen Liquiditätsfalle! Die Heilige Schrift bezeichnet dieses Ereignis als „Armageddon“.

    Um die größte anzunehmende Katastrophe der Weltkulturgeschichte abzuwenden und den anschließenden, eigentlichen Beginn der menschlichen Zivilisation einzuleiten, bedarf es der „Auferstehung der Toten“. Als geistig Tote sind alle Existenzen zu bezeichnen, die vor lauter Vorurteilen nicht mehr denken können. Die Basis aller Vorurteile war (und ist noch) die Religion: http://www.deweles.de

    • hinrichd schreibt:

      Also Vorsicht Falle ist aus meiner Sicht kein angebrachtes Schlagwort und Keynes ist auch nicht das Maß der Dinge. Ich teile Deine Ansichten, was die Problematiken vertrauensbasierender Währungen angeht, aber auch bei einer sachgebundenen Währung oder gar dem Tauschhandel gilt, dass mein Haben-Soll-Saldo zumindest ausgeglichen ist. Ob die vertrauensbasierenden Währungen am Ende (wegen falscher politischer Entscheidungen) scheitern werden, steht auf einem anderen Blatt. Fakt ist aber, dass die PIBIGS-Staaten heute zahlungsunfähig sind, gleichgültig, welche Konstruktion die dahinter stehende Währung hat.

      Dass Religionen und Esoterik der Entwicklung größte Feinde sind, ist eine ungeschriebene Weisheit, tut hier aber nicht wirklich zur Sache.

  2. Pingback: Raus aus dem EURO | Hinrich´s kleine Welt

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