Black Monday mit Ansage

Also doch. Was sich gestern während des amerikanischen Börsenhandels als Gerücht durch den Markt schlich, hat sich nach der Schlussglocke der Wall Street bewahrheitet: Die Ratingagentur Standard & Poor´s stuft die Bonität der USA von AAA auf AA+ herab. Die US-Politiker reagieren, wie die europäischen Kollegen dies in solchen Fällen auch gerne tun, wie ein beleidigtes Kind und werfen Standard & Poor´s einen Rechenfehler vor. Frei nach dem Motto: Das Primat der Politik ist unfehlbar. Dabei wäre es höchste Zeit zu erkennen, dass die Politik schon lange kein Primat mehr hat und statt zu regieren nur noch reagiert.

Ursache der gesamten weltwirtschaftlichen Verwerfungen, die in den kommenden Monaten noch erheblich schlimmer werden dürften, sind die Schulden der Staaten. Seit zwei bis drei Jahrzehnten haben die Politiker nicht nur in Deutschland die Schulden geradezu hemmungslos ausgeweitet. Das Steueraufkommen in Deutschland war beispielsweise 2010 so groß wie niemals zuvor. Und dennoch reicht es nicht aus, um die Ausgaben zu decken. Rechnet man in Deutschland die explizite und implizite Staatsverschuldung zusammen, so steht jeder Bürger, ob Kind oder Greis, mit rund 125.000 Euro in der Kreide. Für eine typische Familie mit zwei Kindern sind dies eine halbe Millionen Euro. Damit dürfte klar sein, dass auch für Deutschland der Schuldenstand zu hoch ist.

Bei einem Teil der sogenannten PIGS-Staaten (Portugal, Irland, Griechenland, Spanien) sind die Schulden deutlich höher. Das gilt auch für andere Staaten, die von dem Akronym nicht erfasst werden, wie etwa Belgien, Italien oder die USA. In Fällen kleiner Länder sind die Probleme eigentlich beherrschbar, aber bei größeren Ländern, allen voran Italien, wäre die Staatengemeinschaft nicht mehr in der Lage, die Zahlungsausfälle durch einen wie auch immer gearteten Rettungsschirm aufzufangen.

Tageschart des Dow Jones Index

Tageschart des Dow Jones Index

Nachdem nun die verantwortungslose Verschwendungssucht der politischen Kaste mehr und mehr in das Bewusstsein der Menschen gerückt ist, haben die Rating-Agenturen begonnen, die Bonität der betreffenden Staaten herunterzustufen; mit den entsprechenden Auswirkungen an den Finanzmärkten. Und als gestern das Gerücht um eine Herabstufung der USA die Runde machte, brachen weltweit die Kurse an den Finanzmärkten massiv ein. Nach 18 Uhr gelang es jedoch offensichtlich, das Gerücht aus dem Markt wieder herauszunehmen, so dass der Tag in New York mit einem kleinen Plus abschließen konnte. Nun aber ist aus dem Gerücht Gewissheit geworden, so dass die rund 300 Punkte in der kommenden Woche auf jeden Fall „eingepreist” werden.

Barack Obama

Barack Obama, US-Präsident (Quelle: Wikipedia)

Darüber hinaus aber muss der Markt nun mit den Aussichten umgehen, denn auch andere Rating-Agenturen werden wahrscheinlich in den kommenden Wochen die Kreditwürdigkeit der USA herrunterstufen, was wie bei Griechenland, Portugal, Irland und Italien zu einer Erhöhung der Kreditkosten führen wird. Alleine dieser Effekt kann dazu führen, dass das vom US-Präsidenten Barack Obama erklärte Ziel, die Schuldenobergrenze für die Neuverschuldung so hoch zu setzen, dass vor den kommenden Wahlen keine erneute Entscheidung notwendig wird, verfehlt und die gesamte Thematik den US-Wahlkampf beherrschen wird.

Deutlich werden aber auch die heilenden Kräfte der Finanzmärkte hinsichtlich der unverantwortlichen Niedrigzinspolitik der Notenbanken. Der Versuch, immer höhere Schulden durch das Anwerfen der Notenpressen heilen zu wollen, schlägt eklatant fehl, da die vom Markt verlangten Risikoaufschläge den Zins dorthin bewegen, wo er natürlich hingehören würde. Dieser Heilungsprozess ist zwar richtig und wichtig, um das Gesamtsystem am Ende zu stabilisieren, führt aber auch für die Realwirtschaft zu höheren Refinanzierungskosten. Diese bedingen dann weniger Wirtschaftswachstum, mehr Pleiten und geringere Steuereinnahmen und beschleunigen so den gesamten Prozess, der eine schwere, weltweite Rezession beinhaltet. Im ungünstigsten, aber durchaus recht wahrscheinlichen Fall führt das gesamte Szenario für den Euro oder aber auch den US-Dollar zu einer Währungsreform.

Das sind zwar trübe Aussichten, aber wichtig in der jetzigen Situation wäre auch die Diskussion über strukturelle Änderungen am Wirtschaftssystem, um künftig mehr Stabilität zu erreichen. Die Vorschriften für den Bankensektor von „Basel II” und „Basel III” sind ein erster Schritt in die richtige Richtung. Jedoch müssen auch die Kreditfinanzierungen der Nichtbanken anderen Regeln unterworfen werden. Exzessive Ausnutzungen des Leverage-Effekts durch Kreditfinanzierungen von 90% und mehr der Investitionskosten führen zwangsläufig zu strukturellen Verwerfungen, in deren Folge das Eigenkapital mehr und mehr diskriminiert wird. Aber gerade das Eigenkapital muss dem Fremdkapital gegenüber bevorzugt werden, um ein vernünftiges, organisches Wachstum generieren zu können.

Gleichzeitig muss mit der Beschränkung der Außenfinanzierung die Innenfinanzierung der Nichtbanken durch verbesserte Abschreibungsmöglichkeiten gestärkt werden. In den letzten Jahren hat die Politik aber die Abschreibungsmöglichkeiten immer weiter reduziert und so zwar selbst kurzfristige Steuereinnahmen erzeugt, aber die Innenfinanzierung der Unternehmen weiter geschwächt und sich so vom Prinzip einer nachhaltigen Finanzwirtschaft weiter und weiter entfernt.

Das Leben von der Hand in den Mund ist zwischenzeitlich sowieso zum Prinzip der Politik geworden, denn bei Abschreibungen und Steuern schauen die Finanzpolitiker nur auf das Steueraufkommen, nicht aber auch Sinn und Zweck. Sondersteuern wie etwa der Solidaritätszuschlag, der für die Wiedervereinigung erhoben und dem sogenannten Aufbau Ost zukommen sollte, werden im allgemeinen Haushalt verbucht. Lenkungssteuern wie etwa die Mineralölsteuer werden der Höhe nach nicht anhand der Lenkungswirkung festgelegt, sondern es wird ausschließlich nach dem Mehrertrag für den Fiskus entschieden. Und wenn dann der Lenkungseffekt wie beispielsweise bei der Tabaksteuer eintritt, dann sind die Finanzpolitiker entsetzt.

Dies, aber nicht nur dies, zeigt, dass Politiker nur noch reagieren, aber nicht mehr regieren und schon gar nicht agieren. Ordnungspolitik findet im Grunde nicht mehr statt. Stattdessen vermittelt die politische Zirkusbühne in Berlin und anderen Hauptstädten mehr und mehr den Eindruck der einen, vom Volk entkoppelten Selbsterhaltung. Und deshalb werden sie auch die Krise nicht verhindern (können).

Die kommenden Wochen dürften an den Finanzmärkten jedenfalls turbulent werden.

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4 Antworten zu Black Monday mit Ansage

  1. strolche schreibt:

    Ein Jahrhundert lang galten die USA als unangefochtener Mittelpunkt des Weltfinanzsystems. Nun hat die Rating Agentur Standard und Poors dem Land die Bestnote entzogen. Damit wankt die bestehende Ordnung die aufstrebende Finanzmacht China stellt bereits Bedingungen an Washington. Natürlich können die USA jetzt China nicht mehr wegen den Menschenrechten kritisieren. Heute oben und morgen unten. Amerika ist wohl wirtschaftlich am Zenit angelangt und total überschuldet.

  2. ego schreibt:

    Da hat Obama Mist gebaut. Wieder werden nur die Kleinen zur Finanzierung der Krise herangezogen. Steuererhöhungen für die Gutverdienenden und Reichen würden die Wirtschaft nicht so stark treffen, da sie große Teile ihres Einkommens sowieso nicht verkonsumieren, sondern sparen. Die Wohlhabenden werden jedoch vollkommen aus der Verantwortung für die nach der Finanzkrise stark angestiegene US-Schuld genommen. Stattdessen sind deutliche Einschnitte bei den staatlichen Sozialleistungen geplant. Die Einkommensschere wird sich in den USA so weiter öffnen. Ich hoffe das ist kein Muster für Deutschland.

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